Was ist „das“ Mittelalter?

Seite eines mittelalterlichen Buches

Seite eines mittelalterlichen Buches. Aufnahme aus der Wechselausstellung „Zisterzienser“ im LVR-Landesmuseum in Bonn.

Auch wenn ich mich beruflich nicht mehr viel mit dem Mittelalter beschäftige, war es integraler Bestandteil meines Studiums und ab und zu lese ich irgendwo wieder eines der sich doch hartnäckig haltenden Bilder des Mittelalters. Ich würde gern mit der Frage anfangen, was überhaupt „das“ Mittelalter ist? Im Allgemeinen werden darunter erstmal 1000 Jahre Geschichte verstanden. Allerdings ist allein das schon problematisch. Denn das sind 1000 Jahre, in denen ebenso viel passiert, es Veränderungen gibt und Entwicklungen stattfinden. Sie zusammenzufassen, ist an sich schon schwierig. Außerdem meinen wir damit ausschließlich Mitteleuropa (dem Einflussgebiet der römisch-katholischen Kirche – wobei man hier dann die Frage aufwerfen kann, was „die“ Kirche im Mittelalter auszeichnet), in anderen Teilen der Welt funktioniert die Einteilung zwischen dem 4./5. Jahrhundert bis ins 16. Jahrhundert nicht, da sie sich komplett anders entwickeln.

Aber selbst wenn wir in Mitteleuropa bleiben: Wir sprechen nicht nur über eine enorme Zeitspanne, sondern auch eine große Region, in der es auch eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungen gab. Sie werden zusammengefasst, als sei es alles gleich und ließe sich unter einem Begriff subsumieren. Auch wenn man sich auf das katholische Abendland beschränkt, ergeben sich mehrere Ereignisse, die als Beginn „des Mittelalters“ gelten können und ebenso auch mehrere Ereignisse, die das Ende markieren können. Eigentlich handelt es sich vielmehr um Übergangsphasen, anstatt eines konkreten Datums wie das Toleranzedikt von Kaiser Konstantin 313 oder das Ende des weströmischen Reichs 476.

Was hat es mit dem Begriff auf sich?

Daneben werden mit der Bezeichnung „das Mittelalter“ aber auch Wertungen verbunden. Als „mittelalterlich“ gilt alles, was rückständig, veraltet oder primitiv ist. Dann spricht man gerne vom „finsteren Mittelalter“.  Die Idee des rückständigen Mittelalters ist Teil der Vorstellung der Renaissance. Durch die Rückbesinnung auf die glorreiche Antike könne man die finstere Zwischenzeit hinter sich lassen. Die Epoche wird in der Regel als Gegenstück zur Neuzeit verstanden, die – ebenso wie die Antike – als fortschrittlich gilt. Dabei ist es kein harter Bruch, sondern es gibt durchaus Entwicklungen, die bis heute sichtbar sind, wie die Stadtbildung oder auch die Universität – eine waschechte mittelalterliche Einrichtung.

Der Begriff „Mittelalter“ selbst ist ein Konstrukt des Humanismus ab dem 14. Jahrhundert. Er soll die Lücke zwischen der Antike und der Rückbesinnung benennen. Das „Medium aevum“ wird dabei aber zunächst nur für Bereiche wie Sprache, Kultur oder Wissenschaft genutzt. Der Begriff hat noch keine historische Dimension. Erst ab dem 17. Jahrhundert wird „Geschichte“ in drei Epochen eingeteilt, die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit.

 

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