#femaleheritage und die mittelalterliche Mystik

#femaleheritage und die mittelalterliche Mystik

Ausschnitt aus dem Werk Marguerite Poretes
Ausschnitt aus dem Werk Marguerite Poretes. Bild als gemeinfrei gekennzeichnet.

#femaleheritage – eine Blogparade veranstaltet von monascensia und Tanja Praske. Warum in diesem Zusammenhang nicht Frauen vorstellen, die im Spätmittelalter publizistisch tätig waren. Die mittelalterliche Mystik war ein Feld, auf dem nicht wenige Frauen eigene Offenbarungen niederschrieben bzw. aufschreiben ließen und so zeitweise auch zum theologischen Diskurs beitrugen.

In der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten konnten Frauen sich im Mittelalter nicht einbringen, der Besuch stand nur Männern offen. Und trotzdem konnten die von Frauen veröffentlichten Offenbarungen oder mystischen Erfahrungen auch auf theologische Fragen eingehen und diese nicht unbeachtet lassen. Die Autorinnen berichten unter anderem von Erscheinungen, Visionen, Auditionen oder auch Stigmatisierungen. Den Höhepunkt sieht die mittelalterliche Mystik in der Vereinigung Gottes mit der menschlichen Seele.

Häretisch? Marguerite Poretes “Mirouer”

Die Mystikerin Marguerite Porete beschreibt in ihrem Werk „Mirouer des simples ames“ (Spiegel der einfachen Seelen) eine Unterhaltung zwischen Liebe, Vernunft und Glauben und einen mystischen Weg in mehreren Etappen, an dessen Ende die ewige Seligkeit erreicht werden kann. Die Autorin geht davon aus, dass die Vernunft nicht zu Gott führe, sondern dies nur die Liebe könne. Auch ihr Verständnis von Kirche entspricht nicht dem gängigen Verständnis ihrer Zeit.

Über die Autorin selbst ist so gut wie nichts bekannt. Sie wird 1310 in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie nicht bereit ist, ihr Werk zu widerrufen. Die Akten des Inquisitionsprozesses sind dabei die einzigen überlieferten Quellen über die Autorin. Darin wird sie unter anderem als „Begine“ bezeichnet – Frauen, die in klosterähnlichen Gemeinschaften leben, ohne jedoch tatsächlich einem Konvent anzugehören und ein Gelübde abgelegt zu haben. Marguerite Porete lebt wahrscheinlich in Valenciennes, ein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Auch ihre Autorenschaft lässt sich erst im 20. Jahrhundert nachweisen, lange werden Ausschnitte des „Miroeur“ als von einem Unbekannten veröffentlicht. Das Buch „Miroeur“ wird in altfranzösischer Sprache zwischen 1296 und 1306 verfasst. Im gleichen Jahr stuft der Bischof von Valenciennes das Werk als häretisch ein und lässt es verbrennen. Marguerite Porete hat das Buch vorher bereits von anderen Theologen prüfen lassen, die es als unbedenklich einstuften. Die Autorin entschließt sich also, ihren „Miroeur“ erneut überprüfen zu lassen. Da der Bischof es aber bereits als häretisch verurteilt hat, ist eine Weitergabe nicht mehr erlaubt und Marguerite Porete muss sich vor der Inquisition rechtfertigen. Über ein Jahr dauert der Prozess, an dessen Ende einige wenige Ausschnitte als häretisch verurteilt werden. Da die Autorin sich weigert, sich auch von diesen Teilen zu distanzieren, wird sie schließlich von einem weltlichen Gericht am 1. Juni 1310 als Ketzerin verbrannt.

Aneinanderreihungen in der Gnadenvita Christine Ebners

Ein ganz anderes Leben führt Christine Ebner. Sie verbringt ihr Leben als Nonne im Kloster Engelthal in der Nähe von Nürnberg. Sie wird 1277 geboren, tritt mit 12 Jahren ins Dominikanerinnenkloster ein, dem sie zeitweise auch als Priorin vorsteht, und stirbt dort 1356. Ihre „Gnadenvita“ wird nicht nur von ihr selbst, sondern wohl auch von ihrem Beichtvater und anderen Nonnen des Konvents verfasst. Dies zeigt sich auch im Aufbau, der keiner festen Chronologie oder gar einem Spannungsbogen folgt. Zwar bilden Geburt und Tod einen zeitlichen Rahmen am Anfang und am Ende des Werks, die anderen Ereignisse sind dagegen eine Aneinanderreihung von Erscheinungen Christi oder auch Marias, Gesprächen mit Gott und dem Heiligen Geist und das Erfahren göttlicher Gnaden, die ihr selbst widerfahren sind. Sie beginnt früh mit ihrem sehr strikt asketischen Lebensstil, aus dem ihre Erlebnisse hervorgegangen sein sollen. Diese werden allerdings nur selten mit einem Datum versehen. Dadurch erlauben sie es nicht, eine chronologische oder auch thematische Ordnung herauszuarbeiten. Vielmehr zeigt sich durch die Anordnung, dass hier mehrere Schreiber*innen am Werk sind, die auch nicht immer genau zu wissen scheinen, was bereits von anderer Seite notiert wurde. Christine Ebner selbst beginnt wohl im Alter von etwa 40 Jahren ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Sie werden ebenfalls nicht in Latein, sondern in deutscher Sprache verfasst. Überliefert sind heute drei unterschiedliche Versionen ihrer Offenbarung, die sowohl im Aufbau, als auch in ihrer Länge variieren. Sie entstanden wohl zu unterschiedlichen Zeiten,  welche Intention jeweils dahinter steht, ist nicht mehr bekannt.

Die mittelalterliche Mystik ist also für Frauen eine Möglichkeit, sich auch ohne universitäre Ausbildung publizistisch zu betätigen. Meist geschieht es eben über mystische Erfahrungen, deren Hintergrund, Ausführung und Autorenschaft sehr unterschiedlich sein kann. Die beiden Frauen Marguerite Porete und Christine Ebner stehen dabei nur stellvertretend für eine ganze Reihe, die sich öffentlich zu ihrem Glauben äußerten und vielleicht auch andere beeinflussten. Sie werden kopiert und bis heute überliefert. Marguerite Poretes “Miroeur” wird bereits früh in andere Sprachen – unter anderem ins Englische – übersetzt und erfährt auch dort Aufmerksamkeit. 

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